Mittelalterlichen Wendeschuh selber nähen

Anleitungen für Wendeschuhe findet man im Netz, in Büchern oder bekommt sie direkt auf einem Mittelaltermarkt von einem Reenactor. Ich habe mir das Wissen aus all diesen Quellen zusammen gesucht und interpretiert. Ich hoffe ihr findet Gefallen an dem Tutorial und werdet zur Nachahmung angeregt. Kommentare und Nachfragen erwünscht.



Material:
Als Oberleder habe ich weiches Fettleder genommen. Besser wäre vegetabil gegerbtes, unbearbeitetes Leder. Wichtig ist, dass das Leder zwar kräftig, aber nicht zu dick ist. Es muss sich schließlich gut tragen lassen und noch wichtiger: Der Schuh wird „auf Links“ genäht. Der Schuh muss sich also umkrempeln lassen.
Mein Schuh hat zusätzlich eine Sohle aus dickem, festem Leder.

Werkzeug:

Vorne (vlnr)
Rillenzieher, Nadeln, Ahlenheft und Ahlen, künstliche Sehne, Wachsgarn
Hinten (vlnr)
Dickes Filz zum Durchstechen, Halbmondmesser

Erstellen des Schnittmusters:
Das Schnittmuster sollte am Ende ungefähr so aussehen wie auf der Skizze.
Am billigsten ist es, wenn ihr das Schnittmuster aus Papier macht. Legt es einfach über euren Fuß und Markiert euch, wo etwas weg muss. Genauer wird es, wenn ihr billigen Stoff benutzt und euch den zurecht steckt, bevor ihr den zerschnibbelt.
Die Länge der grün eingezeichneten Nahtverläufe sollte gleich sein. Das Oberleder muss etwas überlappen. Denk an eine Nahtzugabe. Am besten ca. 1,5cm, abschneiden geht hinterher immer.
Das Stück für die zusätzliche Sohle benötigt keine Nahtzugabe.

Ran ans Werk:
Als erstes kommt die dicke Sohle auf die dünne Sohle. Damit ihr nachher nicht direkt auf dem Faden lauft muss die Naht weg von der Lauffläche. Deshalb habe ich den Nahtverlauf mit dem Rillenzieher vorgezogen.

Die Laufsohle wird einfach platt auf das dünne Sohlenleder genäht. Die Löcher habe ich mit einer Schwert-Ahle vorgestochen. Mit der Schwertahle werden die Löcher etwas größer, dafür bekommt man das Leder leichter durch.
Als Garn verwende ich hier künstliche Sehne.

Die Teile müssen jetzt eigentlich „nur“ noch „auf Links“ zusammen genäht werden.
Die Stelle wo das Leder des Schaftes aneinander stößt wird erst zusammen genäht, wenn der Schuh umgekrempelt wurde.
Damit euch die Teile nicht verrutschen könnt ihr sie mit Sekundenkleber oder mit Klammern fixieren.
Hier verwende ich das Wachsgarn als Faden.

Meistens verwende ich eine Naht, bei der ich zwei Schritte vor und einen zurück gehe…

… alternativ bietet es sich aber auch an, den Faden zur Hälfte durch das erste Loch zu ziehen und dann mit zwei Nadeln immer über Kreutz zu nähen.

Das Umkrempeln wird etwas Kraft erfordern. Sollte es gar nicht gehen, hilft es, den Schuh nass zu machen.
Ist der Schuh richtig herum kann die Seitennaht geschlossen werden.

Die Lage Teile im Schnitt vor dem Umkrempeln…

… und danach

Je nach Design und Einsatzgebiet könnt ihr noch eine Zunge einsetzen. Dafür reicht ein rechteckiges Lederstück, das im Spann und ggf. am Schaft eingenäht wird.

Wie ihr euren Schuh schließt, bleibt euch überlassen. Meine Schnallen passen eher ins ausgehende 15. Jhd. Hornknöpfe oder Knebelverschlüsse passen gut zu Wikingerzeitlichen Schuhen, Bänder gehen eigentlich immer.

Tipps:
Wenn ihr für die Sohle ausreichend dickes Leder nehmt, eine gebogene Ahle besitzt und entsprechend geübt seid, könnt ihr die Sohle auch annähen, ohne komplett durchzustechen. Das macht die Naht noch langlebiger.

Wenn ihr die Löcher dicht haben wollt, solltet ihr Pechdraht zum Nähen verwenden.
Pechdraht ist vorne dünn und wird dann dicker. Ihr bekommt ihn so durch die Löcher gefädelt und hinten verstopft er sie quasi wieder. Pechdraht könnt ihr in diversen Reenacting Shops bestellen oder auf MA-Märkten kaufen.

An der Ferse empfiehlt es sich, ein zusätzliches Stück Leder einzusetzen, damit ihr nicht nach hinten von der Sohle rutscht. Am besten ihr verbindet dieses Stück mit der dicken Sohle.

Vergesst nicht, die fertigen Schuhe zu Fetten oder zu Ölen, damit sie Witterungsbeständig werden.

Meine Schuhe haben (bisher) das Drachenfest und drei Tavernenabende hinter sich. Im Haus und auf flachen Untergrund läuft es sich wie in Pantoffeln. Kopfsteinpflaster ist da eher unbequem.

Falls euch dieses Tutorial weitergeholfen hat freue ich mich über Kommentare. (natürlich auch über Kritik)
Mein Blog hat zwar keinen „Donate“ oder Flatter Button, falls ihr mir aber doch mit schnödem Mammon euren Dank bekunden wollt: Hier ist mein Amazon Wunschzettel 😉 (externer Link in neuem Tab)

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10 Gedanken zu „Mittelalterlichen Wendeschuh selber nähen

  1. […] Ein Tutorial zu den Schuhe findet ihr hier […]

  2. Chris sagt:

    Woher bekommst Du denn das dickere Leder für die Sohle? Ich beschäftige mich schon länger mit der Idee MA-Schuhe selber zu nähen, habe aber bisher weder lokal noch bei MA-Märkten, bei keinem Lederhändler stabileres Leder als Jackenleder auftreiben können.

    Gibt es Onlinehändler, die Du empfehlen kannst?

    Danke für die Anleitung, ich glaube ich habe damit endlich auch die für mich am besten passende gefunden.

    — Chris

    • Hi Chris, freut mich, dass dir die Anleitung gefällt.
      Gute Erfahrungen habe ich mit lederhaus.de und worring-leder.de gemacht. Wobei ich bei beiden Händlern selber zum Laden gefahren bin. Bei Lederhaus bekommst auch Nieten und Werkzeug.
      Ansonsten hab ich recht gute Erfahrungen mit lederkram.de gemacht. Allerdings habe ich mir bei denen noch nie Leder bestellt sondern nur Bastelkram und Werkzeug. Sonst kannst du es auch bei Schustern probieren, die selber Schuhe herstellen.

      • Chris sagt:

        Ach witzig, auf lederkram.de bin ich auch gerade gewesen. Wenn Du mit denen gute Erfahrungen hast, dann werd ich da mal ein bisschen Werkzeug bestellen.

        Stimmt, Leder online zu bestellen ist etwas schwierig, weil man’s ja doch gern vorher mal in die Hand nehmen und die Haptik prüfen möchte.

      • Chris sagt:

        Ach, was mich noch interessieren würde: hast Du außer dem Sohlenumfang noch andere Maße genommen? Als z.B. über den Fuß oder Fesselumfang oder sowas?

      • Ja, sowas brauchst du auch. Ich hab das halt gemacht, indem ich das Papier für das Schnittmuster um meinen Fuß gelegt habe und dann darauf die Umrisse aufgemalt habe. Danach habe ich das dann sauber abegzeichnet und daraus das eigentliche Schnittmuster erstellt. Du kannst natürlich auch an mehreren Stellen deinen Fuß ausmessen und dann die Maße auf einem Blatt markieren und daran dann das Schnittmuster ausrichten. Ich merke schon, dass ich das Thema sträflich vernachlässigt habe. Ich glaub, dazu muss ich auch nochmal ein paar Bilder machen.

  3. Chris sagt:

    Hat dies auf Chris näht…! rebloggt und kommentierte:
    Endlich eine Anleitung für mittelalterliche Wendeschuhe, die auch für mich perfekt geeignet ist.

    Wenn nur das Problem mit dem Lederbezug nicht wäre…

    Ich werde berichten, wenn auch ich endlich ein Lederschuh-Projekt beginne.

  4. Lukas sagt:

    Was braucht man eigendlich genau für Leder? Wie dick sollte es sein und von welchem Tier sollte es stammen?

    • Hi Lukas.
      Das Leder stammt vom Rind. Wie dick es sein sollte, hängt davon ab, wie fest der Schuh werden soll. Wichtig ist, dass es Voll-Leder ist und kein Spalt-Leder. Voll-Leder ist stabiler und langlebiger. Ich tu mich immer etwas schwer damit, Leder zu benennen. Ich geh mit meiner Vorstellung vom Projekt zum Händler und muss das Leder anfassen und dann kauf ich nach Gefühl. Das Oberleder sollte in jedem Fall so weich sein, dass du den Schuh am Ende noch umkrempeln kannst. Die Sohle sollte aber schon etwas fester sein, damit du nicht jedes kleine Steinchen spürst. Als Empfehlung kann ich dir nur geben, dass du mit deinem Anliegen mal zu einem Händler gehst und dich beraten lässt. Vielleicht ist ja auch dickeres, dafür aber weiches Leder genau das richtige für dich.
      Ich hoffe, meine Antwort hilft dir zumindest ein bischen weiter.

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