Von Helden und Verliesen

Eine kurze Betrachtung von Dungeoncrawler Brettspielen am Beispiel von Heroquest und seiner Beliebtheit.

Dungeoncrawler, so nennt sich das Brettspiel-Genre, bei dem sich eine Gruppe von Fantasy-Helden durch eine Reihe von Tunneln und Räumen, meist irgendwelche Verliese und Höhlen, kämpft, auf der Suche nach Schätzen oder auf einer Befreiungsaktion von einem reichen Händler oder schöner Königstochter.
Während ihrer Abenteuer sammeln die Helden Erfahrung und verbessern ihre Ausrüstung, um größeren Gefahren ins Auge blicken zu können.

Ihre Wurzeln haben Dungeoncrawler, was auf Deutsch soviel wie Verlies-Kriecher bedeutet, in Rollenspiel-Systemen wie Dungeons & Dragons. Wie auch beim klassischen Pen and Paper Rollenspiel treten die Spieler gegen Horden von Orks, Zombies und anderem Gezücht an und benutzen dabei die speziellen Eigenschaften ihrer gewählten Charaktere. Dabei übernimmt jeder Spieler die Rolle eines Helden, während die Monsterhorden von einem Spieler gesteuert werden. Dieser Spieler kennt den Hintergrund des gerade gespielten Abenteuers und setzt alles daran, die Helden am Erfüllen ihrer Aufgaben zu hindern.

Heute gibt es zahlreiche Dungeoncrawler auf dem Markt, der erfolgreichste dürfte derzeit Descent: Journeys in the Dark, von Fantasy Flight Games sein.
Die Mutter aller Dungeoncrawler Brettspiele ist Heroquest.

Heroquest

Ein schon ziemlich abgenutztes Heroquest-Exemplar

Heroquest ist für viele Fantasy-Fans auch heute noch so etwas wie der heilige Gral des Genres.
Das Spiel erschien erstmals 1989, also vor inzwischen mehr als 25 Jahren, auf dem Markt. Herausgebracht wurde Heroquest von der Hasbro Tochterfirma Milton Bradley (MB), in Zusammenarbeit mit Games Workshop. Games Workshop steuerte dem Spiel sowohl einen Teil der Hintergrundgeschichte, die gewisse Parallelen zur Games Workshop eigenen Warhammer-Welt aufweist, und die Citadel-Miniaturen bei.
Mit Heroquest kam 1989 eine große Zahl von Spielern zum ersten Mal im großen Stil mit Rollen- und Miniaturenspielen in Berührung. Dank Spielen wie „The Legend of Zelda“ waren Rollenspiele der 89er Jugend natürlich nicht unbekannt und muskelbepackte Barbaren dürften seit der Conan-Verfilmung von 1982 auch den meisten geläufig sein. Die Umsetzung des Stoffes als Brettspiel für das Kinderzimmer war seinerzeit allerdings eine Neuheit. Zum Vergleich: Spiel des Jahres wurde 1989 „Café International“.

Heroquest Inhalt

Blick ins Innere der Schachtel

Inzwischen ist seit der Erstauflage des Heroquest Grundspiels ein viertel Jahrhundert vergangen und noch immer fasziniert das Spiel eine große Spieler-Gemeinschaft und befeuert eine lebendige Community.
Woran liegt das?

Ein Grund könnten die einfachen und stellenweise leider schlecht geschriebenen Regeln sein. Im Vergleich zu heutigen Dungeoncrawlern, hat Heroquest ein wirklich überschaubares Regelsystem. Dazu gibt es im Grundspiel nur vier Helden: Barbar, Zwerg, Magier und Alb (Elf). Diese verfügen über vier simple Werte für Bewegungsreichweite, Kampf, Körperkraft (= Lebenspunkte) und Intelligenz. Wobei Intelligenz im Grundspiel nicht einmal zur Anwendung kommt.
Dieser Umstand macht es Spielern leicht, eigene Charaktere und Monster zu entwerfen. Die Balance zwischen den Helden ist recht simpel. Für jeden neu erschaffene Helden- oder Monstercharakter dürfte nach einer Spielrunde klar sein, ob er ausbalanciert ist oder nicht.
Ein weiterer Grund für die anhaltende Beliebtheit des Spiels könnte der einfache Aufbau sein.
Im Gegensatz zu den gängigen Dungeon Crawlern auf dem Markt, verfügte Heroquest damals nicht über einen Spielplan, der aus verschiedenen Stücken zu immer neuen Gangsystemen zusammengelegt wurde. Der Spielplan bei Heroquest wurde auf einen simplen Falt-Spielplan gedruckt. Das Aussehen der einzelnen Abenteuer, welche bei Heroquest Herausforderungen genannt werden, wird hier durch blockierte Gänge und die Positionen von Türen und Möbeln bestimmt.
Dadurch wird das Entwerfen eigener Herausforderungen sehr einfach. In den Regeln zu Heroquest findet sich sogar eine Kopiervorlage zum Entwerfen neuer Szenarien.
Natürlich spielt auch Nostalgie eine große Rolle. Die meisten derjenigen, für die Heroquest das Erweckungserlebnis in Sachen Fantasy- und Miniaturenspiele war, dürften heute mindestens Mitte 30 sein.

Eine lebendige Community im deutschsprachigem Raum hält das Spiel, das 1993 aus der Produktion genommen wurde, hierzulande weiter am Leben. Neben neuen Abenteuern werden auch neue Spielelemente entworfen. Community-Nutzer Flint hat neben Regelerweiterungen beispielsweise ein vergrößertes Spielbrett kreiert, das mit seinen größeren Feldern und breiteren Gängen auch großen Tabletop-Miniaturen Platz bietet. Auf Grundlage dieses sogenannten 3 mal 3 Bretts (weil die Felder 3cm mal 3cm groß sind) entwickelte Nutzer Iwanhoa ein Grabkammer-Spielbrett für eine eigene Heroquest Kampagne, die in einem mystischen Ägypten spielen soll.

HeroquestAegyptenBrett

Fan-Made Ägypten-Spielbrett (verkleinert)

Die Spielbretter stehen kostenlos im Netz zur Verfügung (s.u.) und können in einem guten Copyshop in Großformat ausgedruckt werden. Wer keinen Copyshop in der Nähe hat, kann sich auch einer Online-Druckerei, wie Cewe-Print bedienen.
Ein DIN A1 Plakat kostet dort 15,49€ in Fotoqualität (je nach gewählten Features kann der Preis schwanken) und soll, laut deren Website, innerhalb von 5 Tagen beim Kunden sein.
Mit Google findet ihr schnell die passende Seite.
Die Spielfelder können dann auf Karton oder Holz geklebt werden. Um so ein Poster gleichmäßig auf eine Unterlage zu kleben empfiehlt es sich, Sprühkleber zu benutzen.
Flint ging sogar noch weiter und baute sich eine modulare Version von Heroquest, womit die Grenzen des ursprünglichen Spielplans gesprengt wurden.

Heroquest modular_custom_board

Flints Heroquest-Modular

Das auch international großes Interesse an klassischen Dungeoncrawlern besteht, zeigen Crowdfunding-Projekte wie das von Gamezone, die eine Jubiläumsversion zum 25. Heroquest Geburtstag herausbringen wollten. Aufgrund von Urheberrechts-Problemen wurde das Projekt zuerst auf der Plattform Kickstarter und danach auch auf IndieGoGo gestoppt. Zuletzt wurde das Projekt auf der spanischen Crowdfunding-Seite Lanzanos (externer Link in neuem Tab) abgewickelt. Dort spielte die Kampagne über 680.000€ ein. Der Erscheinungstermin war für Dezember 2014 angekündigt. Bisher wurde das Spiel noch nicht fertiggestellt. Es bleibt spannend und ich hoffe, dass die Unterstützer bald ihr Spiel in den Händen halten.
Zaelot Games haben mit ihrem Twisting Catacombs Projekt die Produktion von Dungeon-Zubehör finanziert. Das Zubehör passt auffallend gut zu den Papp- und Kunststoff-Teilen, die damals bei Heroquest dabei waren. Im Moment läuft auf Kickstarter sehr erfolgreich die Finanzierung eines Conan Spiels von Monolith Games. (Meine Erfahrungen mit dem Prototyp des Spiels könnt ihr hier (klick mich!) nachlesen.)

Trotz der großen Konkurrenz zeitgemäßer Dungeoncrawler, deren Zahl sich durch Crowdfunding exponential zu erhöhen scheint, hat Heroquest eine feste Fangemeinde und ist unter Spielern auch zu einem begehrten Sammelobjekt geworden – einige der Erweiterungen sind heute nur noch schwer zu bekommen. Gut erhaltene Versionen des Grundspiels werden im Internet um die 100 € gehandelt, unbespielte Versionen für einiges mehr. Die Erweiterungen sind, gemessen am kleineren Inhalt im Vergleich zum Basisspiel, mit um die 80 € noch teurer.
Für die deutsche Heroquest Version gibt es die Erweiterungen „Karak Varn“, „Die Rückkehr Des Hexers“, „Gegen die Ogre Horden“ und „Morcars Magier“. Lediglich für den englischen Markt erschienen noch „Barbarian Quest“ und „Elf Quest“.

Wer mehr über Heroquest und die Community erfahren will, dem lege ich folgende Seiten ans Herz:
HQ-Cooperation
Forum der HQ-Cooperation (hier finden sich auch die Spielpläne)
Heroquest World
(alle Links extern und in neuen Tabs)

Wie sind Eure Erfahrungen mit Heroquest? Habt ihr das Spiel schon in den 80ern gekannt oder entdeckt es heute neu? Ist Heroquest ein Relikt vergangener Tage und ihr spielt aktuelle Dungeoncrawler? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.

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4 Gedanken zu „Von Helden und Verliesen

  1. tischwelten sagt:

    Heroquest habe ich leider nie gespielt, dafür bin ich noch eine kleine Ecke zu jung 🙂
    Aber ich liebe Dungeon Crawler wie Descent oder sämtliche Dungeons & Dragons Brettspiele und in unserer Spielrunde kommen sie sehr oft auf den Tisch.

    • D&D Brettspiele hab ich noch nie gespielt. Kannst du mir da was empfehlen?
      Ich hab hier aber noch ein „Das dorf der Verdammten“, ein Brettspiel aus der Welt von „Das schwarze Auge“. Ich weiß garnicht mehr, ob das gut war, so lange steht es hier schon ungespielt rum.

      • tischwelten sagt:

        Ui wirklich? Das kenne ich gar nicht. Mach doch mal ein Foto davon, würde es gerne mal sehen.
        Also wir spielen am liebsten die Wizards of the Coast Spiele. Davon gibt es 3, Wrath of Ashardalon, Castle Ravenloft, Legend of Drizzt. Sie sind auch alle miteinander kombinierbar. Das schöne ist, man braucht keinen Spielleiter, so wie bei der alten Version von 2003. Eignet sich daher auch gut für eine gemütliche spontane Runde. Ist allerdings nur in Englisch erhältlich (aber kein komplizierte Ausdrucksweise, gut verständlich).

      • Ich habe gerade mal nach Wrath of Ashardalon im Netz gesucht. Sieht eigentlich ganz gut aus. Erinnert optisch erstmal sehr an Descent. Ich hoffe ich find jemanden in meinem Spielerkreis, der ein D&D Spiel hat, um es mal zu testen.
        Wegen dem „Dorf der Verdammten“ muss ich dich leider ersteinmal an die einschlägigen Suchmaschinen verweisen. Es ist wirklich sehr weit hinten verstaut, da komm ich jetzt nicht so schnell dran.

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